Donnerstag, 10. Januar 2019

Städtepartnerschaft - Quo vadis?

Überlingen hat seit 32 Jahren eine Städtepartnerschaft mit der nördlich von Paris gelegenen Stadt Chantilly und  seit 29 Jahren mit der sächsischen Stadt Bad Schandau.

Das Schloss von Chantilly
Mit Chantilly begann die Freundschaft nach gegenseitigem Besuch von Schülergruppen, der Feuerwehren und des Roten Kreuzes. Noch vor der offiziellen Unterzeichnung der Partnerschaftsurkunden  gab es viele Besuche, auch ich als Schreiber dieser Zeilen reiste mehrfach nach Frankreich. Als Fotograf versuchte ich ein fotografische Portrait von Chantilly zu erstellen, die Ergebnisse wurden in einer großen Ausstellung in der Sparkasse Überlingen gezeigt. Im Gegenzug zeigte ich während des offiziellen Besuches der Überlinger Delegation dort im Rathaus eine Fotoausstellung mit Überlinger Motiven. Unvergessen der Transport eines großen Baumes durch die Überlinger Feuerwehr nach Chantilly, der dort am Place de l`Europe gepflanzt wurde. Vorher musste man allerdings Abenteuer bestehen, denn irgendwo unterwegs dachte eine französische Polizeistreife, dass es möglicherweise ein verpacktes Geschütz sei, was dort auf dem Transporter verspannt war. Trotz mangelnder Sprachkenntnisse konnte das dann aber schnell geklärt werden. Unvergessen auch die internationalen Leistungswettbewerbe des Roten Kreuzes in Chantilly. Ich war als Fotograf oft dabei.

Unvergesslich beim Festakt in Chantilly die Ansprache von Fritz Zugmantel, der unter anderem in herrlichstem allemannischen Dialekt zu erklären versuchte, warum die Schwertletänzer einen Zweig Rosmarin am Revers tragen und wie und warum ein Hänsele "juckt". Der arme französische Dolmetscher fragte dann extra nach, wie er das denn bitte übersetzen solle.

Bad Schandau an der Elbe
Auch zu unserer Partnerschaft mit Bad Schandau gibt es viele Geschichten, die teilweise schon vergessen sind. Auch dort war ich Mitglied der offiziellen Überlinger Delegation, auch nach Bad Schandau gab es früh schon herzliche Kontakte der Feuerwehren, der Verwaltung und vieler Vereine. Mindestens ein Mal pro Jahr versuche ich, mir einen privaten Besuch in Bad Schandau zu ermöglichen.

Warum ich das alles schreibe? Weil der aktuelle Zustand der Partnerschaften gefühlt für mich eher traurig ist. Es gibt kaum mehr Schul- und Vereinskontakte und selbst die Jubiläumsfeier zum 30jährigen mit Chantilly wurde in Überlingen heimlich und nichtöffentlich begangen. Ich erfuhr erst davon, als die französischen Freunde schon wieder abgereist waren. Zum 25jährigen Jubiläum mit Bad Schandau gab es wenigstens noch eine gemeinsame Busfahrt in die sächsische Schweiz. Trotzdem: Würde man heute auf der Straße nach den Namen unserer Partnerstädte fragen, gäbe es vermutlich viele fragende Blicke.

Städtepartnerschaften leben nur durch Kontakte der Zivilgesellschaft, durch Vereine, Schülergruppen und engagierte Einzelpersonen. Und die Partnerstadt muss erreichbar sein für diese Gruppen. Da genügt es nicht, wenn sich ein Mal im Jahr vielleicht die Bürgermeister treffen. Städtepartnerschaften brauchen das Engagement der Bürger, eine reine Verwaltungspartnerschaft ist sinnlos.

Und da fragt man sich nun, warum jetzt eine Stadt in England ins Spiel kommt. Epsom ist rund 1000km entfernt, dazwischen liegt trennend der Ärmelkanal. In nichtöffentlicher (!!) Sitzung hat der Gemeinderat angeblich bereits im September 2018 sein "go" an OB Zeitler gegeben, die Bürger erfahren davon erst jetzt.

Was verbindet uns mit Epsom, welche Kontakte -außer einem gemeinsamen Chorkonzert in Chantilly- gibt es? Wer war denn schon mal dort, wer umgekehrt aus Epsom war schon hier? Lief das -wenn überhaupt - auch nichtöffentlich?

Ja, ich bin ein Fan von Städtepartnerschaften, ich finde sie gut und aus dem europäischen Gedanken heraus sehr wichtig. Aber sollten wir nicht erst mal die bestehenden Partnerschaften wieder zum Leben erwecken, durch Besuche in beide Richtungen, an denen auch die interessierten Bürger teilnehmen dürfen? Wenn das erreicht ist, mache ich nach 32 und 29 Jahren sehr gerne  auch bei einer neuen Städtepartnerschaft wieder mit. Aber nur öffentlich für alle.
Dirk Diestel

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